25 April 2006

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Nina

Sichtlich stolz, so viel Beifall zu bekommen, verneigen sich Ismene und Kreon. „Das ist doch nur ein Warmlaufen für Nina“, denke ich. Und so kommt es dann auch. Hämon erscheint, der Beifall steigert sich noch einmal. Freude strahlend verbeugt er sich immer und immer wieder. Und genießt. Als er schließlich die Bühne verlässt, erheben sich die Zuschauer von den Stühlen. Für Nina, die jetzt gleich auftauchen muss! Um sie zu feiern! Aber, Antigone kommt nicht. Bald ist man bereit, ihr scheinbares Spiel mitzumachen und sie im Stakkato auf die Bühne zu klatschen. So sehr hat sie angerührt. Ohne Erfolg. Auch als das Klatschen immer fordernder, schließlich ungeduldig wird, bleibt der von dem gleißenden Lichtstrahl des Hauptscheinwerfers in die Mitte der Bühne geworfene Kreis leer.

Endlich steigt Vater auf die Rampe, schlurft zum Kreis, bleibt innen ganz nah am Rand stehen, dass man ihn nur gerade so sehen kann in seinen zu großen Cordhosen und dem Rollkragenpullover. Schnell verebbt der Jubel von den vorderen zu den hinteren Reihen hin. Stehen bleibt man aber trotzdem. Wohl aus Neugierde. Vater wartet bis es still, richtig still ist, sagt dann in dem müden Tonfall der letzten Zeit: „Sie ist nicht mehr da, seit Antigones Selbstmord hat sie keiner mehr gesehen“. Dann tritt er wieder aus dem Kreis heraus, umgeht ihn halb hinten herum und verschwindet auf der anderen Seite der Bühne.
Auch ich war aufgestanden für Nina. Ganz nach vorne hatte ich mich setzen dürfen. Neben Mama, da es doch meine erste Premiere ist. Als Vater das sagt von Nina, falle ich zurück auf den orangefarbenen Plastikstuhl. Weil mir plötzlich so schwindelig ist. „Sie hat es getan, diesmal für immer“, zischt etwas im Hinterkopf und „endlich, endlich, endlich!“, hämmert es zwischen den Schläfen.

Bevor Nina Antigone wurde, spielte sie die Hermia im Sommernachtstraum, zuvor die Dona Anna in Don Juan und davor die Daja im Nathan. Bereits in dieser Rolle war sie einem Lokalreporter aufgefallen, dem, der auch Schulaufführungen ein paar Zeilen widmet. Man habe bestimmt noch nie eine so pickelige Daja gesehen, aber ganz sicher auch keine derart begabte und vielversprechende Jungschauspielerin wie es Nina sei, schrieb er im Feuilleton.

„Vater meinte, der wolle Nina nur verhöhnen“, erklärte meine Mutter mir irgendwann. Sie hatte offenbar beschlossen, ich sei groß genug, dieses unerfreuliche Kapitel Familiengeschichte zu ertragen. Nichts, nicht einmal sie habe Vater von dem peinlichen Leserbrief abhalten können, fuhr sie beim Mohrrüben schälen fort. Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab, ging zum Küchentisch und nahm ein einzelnes Blatt aus der Schublade. „Hier lies selbst, das ist die Kopie vom Leserbrief!“ Seine Tochter Nina, die sich mit ihren gerade dreizehn Jahren schon unübersehbar in der Pubertät befände und im Begriff sei, zu einer vollkommenen Frau heranzureifen, hatte er geschrieben, neige keineswegs zu Akne, aber zu allergischen Hautirritationen. „Ja und daraus haben die von der Zeitung dann eine unschöne Sache gemacht“, ereiferte sich Mutter „Es wurde so getan als, na ja, als verhätschle dein Vater Nina zu sehr. Weil er das mit der Schminke so unbedingt richtig stellen wollte. Das wurde dann als Glosse bezeichnet. Erschienen ist das Machwerk nicht einmal mehr im Feuilleton, sondern nur auf der ‚Bunten Seite‘ in der übernächsten Samstagsausgabe“. Mutter beendete ihre Erläuterungen. Die Glosse selbst bekam ich nicht zu sehen; dafür war ich dann wahrscheinlich doch noch nicht alt genug.

Zu gerne hätte ich gewusst, was Nina darüber dachte. Als ich sie fragte, übersah sie mich aber einfach wieder. Ich war der zu kleine Bruder und würde es immer bleiben. Das einzige, was Nina jemals mit mir getan hat, und nur mit mir, war ihre Rollen einstudieren. Besser gesagt, bei mir. Eigentlich nur in meinem Zimmer. Vielleicht weil meines am weitesten weg von Vaters Arbeitszimmer lag, der dort in jeder freien Minute Hefte korrigierte oder die Proben seiner Theatergruppe vorbereitete. Wahrscheinlich wollte sie nicht, dass er sie sprechen hörte, bevor alles richtig ausgefeilt war. So verbrachte Nina viele Nachmittage in meinem Zimmer. Es waren die einzigen Gelegenheiten bei ihr zu sein, ihren so komisch säuerlichen Geruch, den ich bisher nur bei ihr gerochen habe, einzuatmen. Manchmal rückte ich mit meinem Stuhl nah an den Schreibtisch heran, setzte mich absichtlich mit dem Rücken zu Nina, tat so, als ob ich malte und hörte ihr beim Sprechen zu. Meist aber legte ich mich mit den riesigen Kopfhörern meiner Stereoanlage aufs Bett. Von hier aus konnte ich sie gut beobachten. Sie stand aufrecht in der Mitte des kleinen Raumes. Um richtig atmen zu können, Knopf und Reißverschluss der zu engen Jeans geöffnet, sprach sie ihre Rolle. Wie ein nach Luft schnappender Fisch sah sie dann aus, unter dem Beat, der mir die Ohren zudröhnte.

Wann es anfing, dass Nina ans Meer wollte? Sicher nach der Sache mit dem Leserbrief. Ich habe nachgerechnet und Mama war da noch nicht „wohltätig“. Um Ninas Meer-Prinzip ging es nämlich nur abends, wenn unsere Mutter nicht da war. In ihrem Zimmer. Anfangs war es eher selten. Nachdem Mama das Haus verlassen hatte, nicht ohne vorher nochmals zu mir kommen, mich auf die Haare zu küssen und den immer gleichen Satz zu sagen: „Also ich gehe jetzt mein Schatz, euer Abendessen steht auf dem Küchentisch.“

Mutter war Mitglied in etlichen Wohltätigkeitsorganisationen, wo man sich oft abends traf, um die Spendensammlungen, die Vorträge oder Basare vorzubereiten. Mama war auch empfindlich für vieles andere. „Ihr müsst immer alles kritisch betrachten“, sagte sie oft zu uns Kindern. Was genau ‚kritisch‘ bedeutet, war mir nicht klar, ich glaubte aber, dass es auf jeden Fall etwas mit ‚dagegen sein‘ zu tun haben müsse. Wenn das stimmte, dann war Mama sehr kritisch. Kritisch bei dem, was Menschen sagten oder dachten, kritisch bei der Tagesschau, aber besonders in bezug auf Nina. „Du willst immer nur kaufen, interessierst Dich nicht für andere, hast keine Freunde. Was soll denn geschehen, wenn es doch nichts wird mit der ach so großen Schauspielkarriere und dem vielen Geld?“, nörgelte sie ein ums andere Mal an ihr herum. Nina sagte nichts, wenn doch, dann nur so leise, dass ich es nicht verstehen konnte.

Dass er bei ihr war, bemerkte ich nur, wenn ich vor dem Einschlafen noch einmal meine Runde zum Badezimmer machte. Kam ich am Zimmer vorbei, hörte ich seine Stimme. Stets gab es Streit. Nein, Streit konnte man es doch nicht nennen. Nina war nicht zu hören. Nur Vater. Jedes Mal fast die gleichen Sätze, leise und wütend keuchend. „Meer! Meer! Meer! Ich höre immer nur Meer, auch deine Mutter sagt, du lebst nur nach dem Meer-Prinzip, ich werde dir dein Meer geben!“ Manchmal wäre ich fast hineingegangen, aber dann verließ mich doch der Mut. Es ging schließlich nur um eine Reise ans Meer. Einmal habe ich mich aber doch zu ihr geschlichen, hinterher, als Vater längst wieder ins Arbeitszimmer gegangen war. Nina lag lang ausgestreckt auf dem Boden, den Blick zur Decke und weinte leise. „Wir zwei fahren morgen früh ans Meer. Nur du und ich, abgemacht?“, fragte ich. Aber sie deutete mir mit ihrer Hand, ich solle verschwinden.

Danach konnte ich nicht mehr einschlafen, wenn Mutter weg war. Und so merkte ich schnell, dass Nina an diesen Abenden bald nicht mehr weinte. Sie rannte stattdessen, sobald Vater die Türe vom Arbeitszimmer geschlossen hatte, mit der Jeansjacke über dem Arm aus der Wohnung. Später verließ sie an den Abenden an denen Wohltätigkeit war, kurz nach Mama die Wohnung. Irgendwann verschwand sie jeden Abend, egal ob Mama da war oder nicht. Vater fing an, ganz früh schlafen zu gehen. Schleichend, zunächst unauffällig, gewöhnte er sich obendrein diese müde langsame Sprache und den dazu passenden Gang an. Mutter ging nicht mehr zur Wohltätigkeit. Sie suchte Nina überall in der Stadt. Nacht für Nacht. Einmal hörte ich, wie Mutter Nina geradezu anflehte, ihr wenigstens zu sagen, wo sie jeden Abend hinginge, wenn sie schon nicht erführe, warum sie es tat. Diesmal antwortete Nina. Sie sagte, bevor sie sich umdrehte und Mutter stehen ließ: „So sind sie halt die Menschen, die nach dem Meer-Prinzip leben“.

Von da an wusste ich Bescheid: Wenn Nina die Haustüre hinter sich schloss, verwandelte sie sich in eine Meerjungfrau. Wie in meinem Märchenbuch. Wunderschön musste sie sein, so zerbrechlich, so schmal wie sie war. Und dann zauberte sie sich weg aus der Stadt in das kristallenste, schimmerndste Meer, das man sich vorstellen kann. Deshalb würde Mama sie auch niemals finden, egal wie lange sie suchte. Wie ich Nina beneidete um das Meer-Prinzip. Was hätte ich gegeben, es auch zu haben. Aber fragen, wie man es bekommt, das wollte ich nicht. Sie hätte nur wieder gesagt, ich solle verschwinden. Womöglich sogar, dass ich ein kleines nervendes Ungeheuer wäre.

Einige Zuschauer hatten noch gezögert, waren dann aber langsam gegangen. Manche drehten sich am Ausgang noch einmal nach uns um. „Wo ist Vater?“ denke ich. Seit er das Verschwinden Ninas bekannt gegeben hat und hinter der Bühne verschwunden ist, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich klettere auf die Rampe, mache, obwohl er wegen der anderen Lichter im Raum längst nicht mehr so hell ist, auch einen Bogen um den Scheinwerferkreis und schiebe mich unter dem schweren Vorhang durch. Im Raum hinter der Bühne ist eine Garderobe aufgebaut. Einige große Spiegel stehen an der Wand, davor orangefarbene Plastikstühle auf denen Schminkutensilien herumliegen. Eine übergroße Garderobenstange mit Kostümen steht in der Mitte. Die meisten Kleidungsstücke aber, die vor kurzem noch Theben auferstehen ließen, liegen auf dem Boden verstreut. Von den Schauspielern ist keiner mehr zu sehen.

Er sitzt in der Ecke, mit dem Rücken zu mir auf einem der Stühle. In dem großen Spiegel vor ihm sehe ich sein Gesicht. Die Augen sind geschminkt wie die von Antigone. Groß, hell und schön. Vater beachtet mich nicht. Ich kann nichts sagen, erstarrt bleibe ich stehen. Mit roter Farbe an einem Finger fährt Papa sich mit kreisenden Bewegungen um den Mund. „Du wolltest immer mehr vom Leben haben als wir alle“, lallt er vor sich hin. „Ich nehme es mir jetzt auch, dein Mehr-Prinzip!“ Dabei greifen die wie Krallen gebogenen Finger in die Schale mit brauner Theaterschminke, die vor ihm auf einem kleinen Tischchen steht. Dann drückt er sich die Fingernägel in die Stirn und zieht sie über sein Gesicht. Langsam rinnt das Blut aus den braunen Strichen.

Antigone in Wikipedia

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11 April 2006

search: blogger.com/categories/

how to use del.icio.us for blogger categories
kategorien blogspot.com
vielleicht brauchts auch kein mensch

... IN ENGLISH


It might be easier
structuring a blog, if there are categories and tags within. But doing it with the blogger.com-software is complicate. After I read the linked articles, I changed my mind. I've done it without any catagories.

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03 April 2006

tag in Spiegelüberschrift

Manchmal - sehr selten - passierts auch den Profis ...



PS: 15 Minuten später war es verbessert.

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